Worum geht´s in Durban?

Wenige Wochen vor dem Klimagipfel legte das US-Energieministerium dramatische Zahlen vor. Demnach sind die Treibhausgas-Emissionen der Welt 2010 um insgesamt 512 Millionen Tonnen im Vergleich zu 2009 gestiegen. Das entspricht einem Plus von sechs Prozent. Hauptverursacher ist China, gefolgt von den USA und Indien. Mitarbeiter des Ministeriums machten aber auch die verbesserte Wirtschaftslage 2010 mitverantwortlich. Experten sprachen angesichts der Zahlen von einem „Monster-Anstieg“.

Trotz vielfältiger Klimaschutzbemühungen und einem Boom der regenerativen Energien ist also der Ausstoß von Treibhausgasen seit 1990 weltweit rasant gestiegen – insgesamt um mehr als 40 Prozent. Lange Zeit hat die Biosphäre große Teile des menschengemachten Kohlendioxids aufgenommen und so die Erderwärmung abgepuffert. Aber damit wird es bald vorbei sein, die Ozeane beispielsweise stehen kurz vor ihrer Sättigung. Gleichzeitig zeigt die Erderwärmung bereits ihre menschenfeindlichen Folgen. Während im Oktober auf vielen Pazifik-Inseln wegen extremer Dürre der Notstand ausgerufen werden musste, kämpfte Thailand mit einer Jahrhundertflut. Während 2010 Pakistan in den Fluten versank, wüteten in Russland die schlimmsten Waldbrände in der Geschichte. Der Weltklimarat (IPCC) prognostiziert in einem Sonderbericht zunehmende Wetterextreme.

Die Lage der Welt hat sich zwei Jahre nach dem Debakel von Kopenhagen weiter verschlimmert. Was Obama, Medwedjew, Merkel und Co. höchstpersönlich im Jahr 2009 nicht gelang, soll nun ihren Umwelt- und Energieministern gelingen: Das Kyoto-Protokoll zu retten – oder wenigstens Ideen für ein Folgeabkommen zu entwickeln. Gelingt das nicht, droht der gesamte Internationale Klimaschutz mit all seinen mühsam etablierten Mechanismen zusammenzubrechen.

Das liegt am Grundkonstrukt des Kyoto-Protokolls. 1997 verpflichteten sich die Industriestaaten, ihren Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2012 um 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Die sogenannte erste Verpflichtungsperiode war damit eingeläutet. Die Mütter und Väter des Protokolls legten diese auf vier Jahre zwischen 2008 und 2012 an, um die Möglichkeit zu haben, in der darauffolgenden Verpflichtungsperiode die Zahlen zu korrigieren – falls das notwendig werden sollte.

Doch statt einer Korrektur, droht nun das völlige Aus. Industriestaaten und Entwicklungsländer können sich nicht einmal über die Grundkonstruktion des neuen Klimaabkommens einigen. Erstere hatten sich in Kyoto noch zu ihrer historischen Schuld bekannt und die Last der Emissionssenkung allein übernommen – zurecht, denn rund 80 Prozent der heute in der Erdatmosphäre vorhandenen menschengemachten Treibhausgase stammen aus den Industriestaaten, Deutschland beispielsweise verursachte im Laufe des 20. Jahrhunderts fast soviel Treibhausgas wie China mit seiner 15-mal so großen Bevölkerung. Doch weil die Wirtschaften Chinas, Indiens, Brasilien, Mexikos und vieler anderer Entwicklungs- und Schwellenstaaten rasant wachsen, deckt das Kyoto-Protokoll nur noch einen Bruchteil der aktuellen Emissionen ab.

Die Europäische Union und die USA drängen die Schwellenländer deshalb, endlich selbst mit dem Klimaschutz anzufangen - und eigene Reduktionspflichten völkerrechtlich bindend in der zweiten Verpflichtungsperiode zu unterzeichnen. Die Schwellenländer entgegnen: So lange Ihr Eure Hausaufgaben nicht macht, werden wir nicht beginnen. Und die Liste der Kyoto-Versager ist noch zu lang – Japan wird sein einstiges Ziel um 15 Prozentpunkte verfehlen, Kanada um 35 Prozent, Australien liegt 22 Prozent hinter seiner Zusage. Selbst EU-Staaten wie Spanien (40 Prozent zu viel), Österreich (25 Prozent) oder Italien (14 Prozent) haben deutlich zu wenig Klimaschutz betrieben, um das Kyoto-Ziel für 2012 zu erreichen.

Die Lage ist verfahren, nicht einmal mehr Berufsoptimisten glauben an einen Erfolg in Durban, also die Einigung auf eine zweite Verpflichtungsperiode. Bleibt er aus, ist das Kyoto-Protokoll zwar nicht gestorben, aber es ist nur mehr ein Zombie – die Hülle existiert weiter, aber der Inhalt fehlt.


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