Passivhaus bauen: Erfahrungen und Expertentipps

Prof. Dr. Martin Hundhausen baute 1998 für sich und seine Familie das erste Passivhaus in Mittelfranken. Im Experten-Interview berichtet der Physik-Professor alles über die Vorzüge des Passivhauses und gibt Tipps für künftige Bauherren.

Foto Martin Hundhausen

Prof. Dr. Martin Hundhausen.

Herr Hundhausen, Sie sind ein Pionier auf dem Gebiet der Passivhausbauweise. Wie sind Sie darauf gestoßen und wie reagierte Ihre Umgebung darauf?

Angefangen hat alles mit unserem Wunsch, hier in Erlangen in die eigenen vier Wände zu ziehen. Das war 1998 und damals war das Passivhaus noch weitgehend unbekannt. Insofern war es Glück, einen kompetenten Architekten zu finden, der uns davon erzählte. Ich war ziemlich schnell überzeugt, dass das Passivhaus genau das richtige Baukonzept für uns ist und wir haben unsere Entscheidung seither nie bereut. Ich war aber auch überrascht zu erfahren, dass wir die ersten in Mittelfranken waren, die ein solches Haus gebaut haben. Ich glaube, unsere Umgebung hielt mich ein bisschen für einen „Spinner“, ein Haus zu bauen, welches so außer der Norm galt. Zweifel, dass unser Haus nur zehn Prozent des Energiebedarfs eines üblichen Hauses brauchen würde, hatten die meisten. Als Physiker habe ich unser Haus dann messtechnisch begleitet und alles ging so auf, wie wir es vorher berechnet haben. Schließlich erhielten wir für den Bau unseres Passivhauses den Umweltehrenbrief der Stadt Erlangen.

Vorteile des Passivhauses: Energieversorgung und Wohnqualität

Sie leben in einem Passivhaus: Was macht das Passivhaus gegenüber anderen Energiestandards aus Ihrer Sicht so empfehlenswert? Gibt es auch Nachteile?

Natürlich ist die Unabhängigkeit bei der Energieversorgung der Hauptvorteil. Nur der Passivhausstandard würde es im Extremfall sogar erlauben, gar nicht zu heizen und trotzdem im kältesten Winter über die Runden zu kommen. In einem Neubau nur nach gesetzlichem EnEV-2009-Standard würde es ungemütlich kalt, wenn einmal kein Heizöl oder Erdgas mehr käme. Aber auch ohne Sorge um die fossile Energieversorgung ist das Passivhaus sehr komfortabel: Die luftdichte Bauweise verhindert im Winter Zugerscheinungen, die kontrollierte Lüftung verhindert zu geringe Luftfeuchtigkeit, die gut wärmegedämmten Wände sichern Behaglichkeit. Großartig sind die hellen Räume durch die großen südausgerichteten Fensterflächen. Und im Sommer hilft die Wärmedämmung auch gegen die Hitze – selbst unter dem Dach bleibt es angenehm, weil die Sommerhitze nicht durch das Dach in die Räume kommt. Nachteile kann ich tatsächlich keine erkennen – vielleicht bis auf die vielen Interessenten, die das erste Passivhaus unserer Region in der Anfangszeit besichtigen wollten. Das haben wir aber gerne „ertragen“ und freuen uns, dass dadurch unser Beispiel hier in Erlangen von vielen nachgeahmt wurde.

Mehrkosten des Passivhauses: 17.000 Euro

Lohnt es sich für Bauherren, trotz der Wirtschaftskrise in ein Passivhaus zu investieren?

Wer heute ein Haus baut, muss an die nächsten 30 Jahre und mehr denken. Die Energieversorgung wird das wichtigste Thema der Zukunft werden und die unsichere Versorgung mit fossilen Energien wird eine noch viel größere Krise werden, als die jetzige so genannte Wirtschaftskrise. Wer kein Passivhaus baut, der wird sich und seine Familie erst Recht in die Krise bringen, weil die Heizkosten dann kaum noch zu bezahlen sind.

Passivhäuser sind kein Luxus, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit. Wer heute die Mehrkosten eines Passivhauses (für uns waren das 17.000 Euro) nicht aufbringen kann, der wird morgen sein Haus nicht mehr beheizen können. Die Wirtschaftskrise ist also neben dem Umweltschutz der wichtigste Grund für das Passivhaus. Man sollte daher das Passivhaus auch als lukrative Geldanlage und Investition in die Zukunft sehen. Als Vater würde ich – wenn es einmal so weit ist – meinen Kinder lieber mit den Mehrkosten des Passivhauses helfen, als das Geld einfach den Banken zu überlassen.

Die wichtigsten Faktoren für den Passivhausbau

In wenigen Schritten zum Passivhaus: Worauf sollte ich achten, wenn ich meinen Passivhaus-Neubau bzw. eine Modernisierung mit Passivhauskomponenten plane?

Im Grunde ist ein Passivhaus bauphysikalisch einfach, aber es ist dennoch wichtig, einen Architekten zu suchen, der die Bauweise versteht und möglichst schon Erfahrung damit hat. Wenn man ein Grundstück sucht, sollte man auf die Südausrichtung achten – große Fensterflächen nach Süden im Passivhausstandard (Dreifach-Verglasung) bringen im Winter viel kostenlose passive Solarstrahlung ins Haus. Kompakt bauen, d. h. mit einem guten A/V-Verhältnis, senkt Baukosten und reduziert Wärmeverluste. Die Wärmedämmung sollte richtig dimensioniert sein, im Dach ist sie bei uns z. B. 40 cm dick. Der Keller sollte thermisch von den Wohnräumen isoliert sein – es macht keinen Sinn, die Kellerräume mitzuheizen. Eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung bringt die Frischluft vorgewärmt in die Zimmer – vielleicht ist das noch die ungewohnteste Passivhauskomponente, die jedoch großen Komfort bringt, weil stets die richtige Menge Frischluft in die Räume kommt, ohne dass man z. B. nachts alle drei Stunden eine Stoßlüftung durchführen muss. Eine thermische Solaranlage sollte beim Passivhaus eine Selbstverständlichkeit sein. Welches Heizungssystem man verwendet, ist sekundär – nur eine Stromheizung schneidet ökologisch aufgrund der immer noch ineffizienten Stromerzeugung am schlechtesten ab.


Die Fragen beantwortete Prof. Dr. Martin Hundhausen im Dezember 2009. Der Professor für Physik ist Vorsitzender des Vereins Sonnenenergie Erlangen e. V. und erhielt 2004 den Deutschen Solarpreis in der Kategorie Bildung und Ausbildung.

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