
Anständig essen
Die Bestsellerautorin Karen Duve, unter anderem bekannt durch ihren Roman „Taxi“, stellt sich drei banale Fragen: Was esse ich? Wo kommt das Essen her? Wie soll ich zukünftig essen? Bei ihrer Suche nach Antworten ist mit „Anständig essen: Ein Selbstversuch“ nicht nur ein sehr persönlicher Roman entstanden, es ist auch ein Tagebuch, ein Sachbuch und eine Abhandlung über das Verhältnis von Mensch und Tier.
Duve nimmt den Leser mit auf eine Reise – diese beginnt in einem großen Supermarkt, in dem sie nach einer Hähnchenpfanne für 2,99 Euro greift. Doch dann macht der Schriftstellerin ihr fleischgewordenes Gewissen in Gestalt der neuen Mitbewohnerin einen Strich durch die Rechnung. So sitzt sie abends vor einem vegetarischen Curry und Bulli, ihre geliebte Bulldogge, ist enttäuscht, bekommt sie doch sonst immer die Knochenreste ab. Aber warum gibt sie Tausende von Euro für die Krebstherapie ihres Hundes aus, während die um einiges clevereren Schweine als sogenannte Nutztiere nicht mit ihrem Mitleid rechnen können? Warum musste das Pfannenhähnchen sein Leben wahrscheinlich auf einer Fläche kleiner als eine DIN A4-Seite verbringen, während Duves Huhn „der Piepsi“ bei eisigen Temperaturen sogar einen Ehrenplatz im Korridor bekommt?
Also begibt sich Duve auf die Reise – Stationen sind die biologische, vegetarische, vegane und schließlich zwei Monate lang sogar die frutarische Ernährung. Diese ist die Königsdisziplin des „ethischen Essverhaltens“. Während Veganer nur die Nutzung von Tieren und tierischen Produkten ablehnen, berücksichtigen die Frutarier auch Pflanzen und essen nur das, was man ohne die Zerstörung derselben ernten kann, nämlich Früchte, Nüsse und Samen. Beim Ausprobieren dieser unterschiedlichen Diäten stößt Duve unwillkürlich auf die ganz großen Fragen des Lebens: Was macht den Menschen aus? Was das Tier? Wie funktionieren Mitleid und Empathie? Für Duve ist es offensichtlich, dass ein Schimpanse einem Menschen näher als einer Qualle steht, die kategorische Mensch-Tier-Unterscheidung sei somit schnell hinfällig. Aber sie sei eben bequem: Wer nicht zur „Familie“ gehört, für den muss nicht gesorgt werden – so die Logik, die gerne auch mal auf „menschliche Tiere“ angewendet wird, so Duve.
Auch, was unsere Ernähungsgewohnheiten mit der Klimaerwärmung und globalen Missständen wie Hungerkatastrophen zu tun haben, lässt Duve nicht unbeleuchtet. Ihr Buch liest sich wie ein Klima-Tagebuch des letzten Jahres, mit ungewohnten Schneemassen im Winter, Hitzerekorden im Sommer, Überschwemmungen und Waldbränden weltweit. Damit will Duve vor allem eines deutlich machen: Der Klimawandel ist nicht nur etwas, was uns droht – die Klimakatastrophen sind bereits da.
Trotz des unerfreulichen Themas und ihres moralischen Eifers ist Karen Duve mit ihrem Buch dank einer gehörigen Portion Selbstironie eine angenehme, bisweilen sogar sehr witzige Lektüre gelungen. Da gönnt man ihr den Hype, den das Buch als Gegenstück zu Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ momentan erfährt. Man wünscht sich sogar, er möge ein wenig anhalten.
Karen Duve: „Anständig essen. Ein Selbstversuch“. Galiani Berlin, 335 Seiten, 19,95 Euro.







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