Ressourcen, Wohlstand, Lebensstil

Forstwirtschaft(c) iStock.com/wolv

Im zweiten Stock eines Hauses in Oakland im US-Bundesstaat Kalifornien sitzen Wissenschaftler, die jedes Jahr aufs Neue die Welt aufzurütteln versuchen. Die Experten des Global Footprint Networks errechnen für jedes Jahr, wann die Menschheit die natürlichen Ressourcen aufgebraucht hat, die ihnen die Erde jährlich zur Verfügung stellt – wann also alles nachwachsende Holz, alles saubere Wasser, alle nachhaltig zu erzeugende Nahrung usw. verbraucht sind. 1987 war das erste Jahr, in dem allein der Verbrauch der Menschheit an nachwachsenden Ressourcen über das hinausschoss, was die Erde ihr jährlich bieten kann, ohne langfristig Schaden zu nehmen. Der sogenannte „World Overshoot Day“ lag in jenem Jahr am 19. Dezember. Seitdem wandert der Tag im Kalender nach vorn, weil der Verbrauch wächst und die Grenze einer nachhaltigen Nutzung jedes Jahr früher erreicht wird. 1995 war das bereits am 21. November der Fall, im Jahr 2009 schon am 24. September.

Man kann sich vorstellen, was passiert, wenn weltweit noch mehr Menschen dem Wirtschafts- und Wohlstandsmodell der westlichen Industriestaaten nacheifern. Der weltweite Ressourcenverbrauch muss also verringert werden und das ist nicht allein mit höherer Effizienz und mehr Recycling zu schaffen. Nicht weniger als eine „Umwälzung der herrschenden kulturellen Muster“ verlangt das US-amerikanische Worldwatch Institute in seinem Bericht „Zur Lage der Welt 2010“. Ähnliche Mahnungen gab es bereits vor 38 Jahren, als der Club of Rome vor den „Grenzen des Wachstums“ warnte.

Wohlstand, betont etwa die Britische Nachhaltigkeitskommission, ist sehr wohl auch ohne Wirtschaftswachstum möglich. In ihrem Bericht „Prosperity without growth“ fordert sie, bei einem Rückgang der Produktion die geringere Arbeit auf mehr Menschen zu verteilen und dadurch auch der Freizeit wieder mehr Wert zu verleihen. Auch die EU hat eine Initiative mit dem Titel „Beyond GDP“ (zu Deutsch etwa: „Mehr als nur das Bruttoinlandsprodukt“) gestartet, um Fortschritt, Wohlstand und Wohlbefinden künftig breiter erfassen zu können als bislang üblich.

Yoga(c) iStock.com/diego_cervo

Was ist Wohlstand?

 „Wohlstand war in der deutschen Sprache ursprünglich ein Wort für Wohlergehen, Abwesenheit von Not und friedliches Zusammenleben in einem Gemeinwesen“, erklärt Gerhard Scherhorn, der am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie lange Jahre den Forschungsbereich „Neue Wohlstandsmodelle“ geleitet hat. Selbst für Ludwig Erhard, den Vater des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders, war „Wohlstand für alle“ in erster Linie ein Mittel, um den Bürgern „mehr Freizeit, mehr Besinnung, mehr Muße und mehr Erholung zu bringen“. Doch nach und nach rückten der materielle Konsum und der zunehmende Besitz an Gütern in den Vordergrund.

Dabei ist seit langem belegt, dass ab einem bestimmten Einkommensniveau die Zufriedenheit von Menschen nicht mehr steigt. So verfügten US-Amerikaner im Jahr 1993 über mehr als doppelt so viel Geld wie 1957, doch das hat sie nicht doppelt so zufrieden gemacht. Der Anteil der Leute, die in Umfragen sagten, sie seien sehr glücklich, blieb stabil bei etwa einem Drittel. „Der empfundene Wohlstand“, löst Gerhard Scherhorn das Rätsel auf, „setzt sich aus Güterwohlstand, Zeitwohlstand und Raumwohlstand zusammen.“ Und für die Anhäufung von immer mehr materiellen Gütern müssten die Menschen mehr arbeiten, das beschere ihnen Stress und Hetze sowie eine zerstörte Umwelt. Im Prinzip beklagen die Leute dies auch regelmäßig, im Alltag regiert dann doch allzu oft die Hetze.

Fragt man Scherhorn, was er für die wichtigste Änderung hält, fallen ihm sofort die Arbeitszeiten ein. „Noch ist es ein sozial missbilligtes Verhalten, seine Arbeitszeit zu reduzieren – der Chef will es nicht, die Kollegen gucken schief, da setzen sich nur einige starke Persönlichkeiten durch.“ Wären zum Beispiel Teilzeitjobs einfacher möglich, sagt Scherhorn, würde sich wohl sehr viel ändern. Auch für das Klima: Wer problemlos mehrere Monate Urlaub bekommt oder gar ein Sabbatjahr, verzichtet vielleicht eher auf den jährlichen Flug in die Südsee – und verreist lieber einmal für längere Zeit. Den Gewinn an Zeit sollte man also betonen, um die Gesellschaft zu einem nachhaltigen und klimaschonenden Lebensstil zu bringen, weniger den Verzicht auf Konsum.

Etliche Unternehmen machen bereits vor, wie ein Kulturwandel aussehen könnte. Harald Rossol, ein erfolgreicher Bremer IT-Unternehmer, zeigt, dass unter Wachstum nicht unbedingt ein „mehr, mehr, mehr“ zu verstehen ist. „Wir nehmen nicht den klassischen Begriff von Wachstum“, erklärt er, „sondern wir sagen: Wir machen besser, besser, besser.“

  • Ratgeberfinder

    Wie viel Strom- und Heizkosten kann ich sparen? Welche Modernisierungs-Maßnahmen lohnen sich? Gibt es Fördermittel? Hier finden Sie alle 16 EnergiesparChecks zur individuellen Beratung – kostenfrei, schnell, unabhängig.

    Jetzt Ratgeber starten